Grautöne, die bunt sind

Tanja Kemper
Anknüpfend an den letzten Impuls „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, möchte ich fortführen, dass jede Begegnung auch spannend sein kann. So spannend, dass sie sich entladen kann.
Was im Bild ganz nett klingt, kann in Wirklichkeit einen handfesten Streit bedeuten.
„Streitkultur“, so lautet das Thema beim Bildungsteil der diesjährigen Dekanatskonferenzen, die von Ende September bis Anfang November in den Dekanaten stattfinden.
Bei der Vorbereitung darauf und der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema ist mir Vieles bewusst geworden.
Eines möchte ich herausgreifen:
Ohne konstruktives Streiten kann keine Demokratie existieren. Sie lebt davon. Wenn aber die Debattenkultur vergiftet und polarisiert ist, ist das demokratiegefährdend.
Die Zwischentöne und das Aufeinander eingehen und Zuhören haben (vor allem im Netz und den Politischen Diskussionen) keine Hochkonjunktur.
Es gibt nicht nur schwarz-weiß, sondern eine Vielfalt an Grautönen.
Grautöne klingen nicht attraktiv. Gerade jetzt, wo wir uns einen goldenen Oktober mit bunten Blättern erhoffen, haben Grautöne wenig Verlockendes. Aber, um wieder ein Bild zu bemühen:
Mit Grautönen ist ja gerade das Bunte gemeint, das, was eine demokratische Gesellschaft ausmacht. Die alles ist, nur nicht grau und uniformiert!
Hier hat jedes Individuum seinen Platz und so viel Freiheit wie es braucht, ohne die Freiheit, des Nächsten zu gefährden.
Wie schön wäre es, wenn wir diese Buntheit und Freiheit wieder mehr als unschätzbaren Wert, als großes Geschenk sehen könnten, als etwas, das nur einer Minderheit auf diesem Planeten geschenkt ist.
Lasst uns die bunten Grautöne feiern, bewahren und dafür sorgen, dass es nach dem Herbst, wenn die Blätter gefallen sind, wieder „knospt unter den Blättern“ (Hilde Domin).
Tanja Kemper, Bildungsreferentin im Diözesanverband
